Biberrevier

 

01. Januar 2015     Zwischen Verkehrslärm und Altwasserarm - die Rückeroberung des Biberreiches im Innstausee zwischen Wasserburg und Feldkirchen

 

Nach einer langen Nacht im Altwasser verspeist der Biber einige junge Schilftriebe. Seinen Schlafplatz im Bau am anderen Ufer erreicht er nach der Überquerung des Flusslaufes.

 

Nur ein klein wenig abseits des Weges, zwischen Wasserburg am Inn und Rosenheim, haben versteckte Idyllen inmitten der Flussauen einen verborgenen Lebensraum für die hier heimische, vielfältige und bunte Tierwelt geschaffen.

 

In den weiträumigen Auengebieten findet eine bunte Mischung aus Vogelarten reichlich Platz zur Aufzucht ihrer Jungen. Regenpfeifer, Flussseeschwalbe, Eisvogel, Pirol, Graureiher oder Wespenbussard haben sich hier niedergelassen. Schwäne ziehen auf spiegelndem Wasser ihre Bahnen. Zahlreiche Zugvögel legen auf ihrer Reise zwischen den Auwäldern eine Rast ein. Fischadler sowie Schwarzmilan und Silberreiher erfreuen sich an der Ruhe zwischen dem großen Flusslauf und seinen Altwasserarmen. Krächzende Schwärme von Rabenkrähen suchen sich abends ihre Schlafbäume zwischen den höchsten Altbeständen der Eschen und Erlen. In der Dämmerung jagen Fledermäuse nach fliegenden Insekten.

 

Grau- oder Wildgänse rauschen in Pfeilformation durch den frühen Morgen, um ihre Futterplätze aufzusuchen. Unzählige Libellen schwirren um das ufernahe Schilf, und Amphibien schufen sich massenhaft hier ihre Heimat.

 

  

Graugänse brechen in der Morgendämmerung auf, um ihre Futterwiesen anzufliegen. Bei einbrechender Dunkelheit beginnt der Biber mit seiner Suche nach Gräsern und Kräutern. Er ernährt sich rein vegetarisch.

 

Geradezu ideale Lebensbedingungen aber findet in diesem Gebiet der Biber. Erstmals nach seiner Ausrottung 1867 wurde er ab dem Jahre 1966 in Bayern wieder ausgewildert und wanderte sukzessive in fast alle heimischen Gewässer ein. Im Bereich des Naturschutzgebietes bei Attel leben inzwischen geschätzte zehn bis fünfzehn Tiere in drei oder vier Revieren.

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Die frühe Morgensonne lädt zum Imbiss vor der Tagesruhe ein. Dabei schiebt der Biber das Schilfrohr seitlich durch seine Pfoten und verzehrt ein Blatt nach dem anderen.

 

Die Auwälder zwischen den Steilufern des Inngrabens bieten den dämmerungs- und nachtaktiven Tieren ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Besonders in der kalten Jahreszeit, wenn frische Triebe des Schilfs oder kleiner Büsche sich rar gemacht haben, sind dem Biber Weiden oder Pappeln als ausgiebige Futterquelle willkommen. Dabei fällt er in einer Nacht Bäume bis zu einem Durchmesser von 50 Zentimetern. Bei dickeren Stämmen ziehen sich die Fällarbeiten über mehrere Nächte hin. Nach und nach werden die Gehölze anschließend verwertet. Die Astrinde und Blätter dienen als Nahrung. Schlanke Zweige lagern die Tiere vor der frostreichen Zeit unter Wasser ein, nahe dem Eingang zu ihren Bauten. Diese Vorräte bleiben auch bei zugefrorener Gewässeroberfläche erreichbar. Während der Winterruhe der Biber, immer wenn der Hunger nagt, wird dann die Proviantkammer geplündert.

 

   

Auf dem morgendlichen Weg vom Altwasserarm zum Schlafbau im Ufer des Inn gönnt sich der Biber an der Flussmündung eine kurze Rast. Eine Sandbank verführt dazu, während der ersten wärmenden Sonnenstrahlen die Blätter eines mitgebrachten Zweiges zu verspeisen.

 

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Bild 1:  Die in Sanduhrtechnik gefällten Bäume liefern frische Nahrung und Vorräte für den Winter. 

Bilder 2 und 3:  Nur gehalten von den Kronen der umstehenden Bäume, werden diese Stämme beim nächsten Windhauch zu Boden krachen.

Bild 4:  Vor dem Wintereinbruch legen die Biber einen enormen Arbeitseifer ans Werk. Um ihre Vorräte aufzufüllen, holzen sie viele der großen Auwald-Bäume ab. Diese werden von Laub und Zweigen, aber auch von der Rinde befreit.

 

Verjüngung des Auwaldes nennen Naturfreunde die Ernährungsweise der Nagetiere. Zerstörung des Waldbestandes zetern dagegen die betroffenen Grundbesitzer.

Aber gerade hier, wo sich zwischen den Steilufern oder den Dämmen neben dem Flussbett genügend Auwald angesiedelt hat und zur Heimat der Nager wurde, kann der Mensch problemlos mit den Marotten der Biber leben. Nutzkulturen wie Fichtenwälder oder Mais stehen in der Regel weit genug vom natürlichen Lebensraum entfernt, so dass sich Schäden privater Grundeigentümer in engen Grenzen halten.

Dabei erweist sich der Biber als wertvoller Beschützer des biologischen Gleichgewichts. Angenagte Bäume sterben ab und bieten als Totholz Pilzen, Pflanzen und Insekten Lebensraum und Nahrung. Bunt- oder Grünspechte, Meisen und Kleiber schaffen sich in Baumhöhlen neue Brutplätze. Ins Wasser gefallene Bäume werden von Jungfischen als Verstecke genutzt. Im Bereich von Biberansiedlungen liegt die Fischdichte durch das erhöhte Nahrungsangebot um bis zu achtzig mal höher als anderswo.

 

Kunstvoll aus Ästen gebaute Biberburgen aber wird man in diesem Gebiet meist vergeblich suchen. Stattdessen wohnen die Nager in Bauten, die sie mit unter Wasser liegendem Eingang in die steil abfallenden Flussufer gegraben hatten. Jede Biberfamilie besitzt in ihrem Revier, welches drei bis sieben Flusskilometer umfasst, mehrere Behausungen. Die Reviergrenzen kennzeichnen sie mit Bibergeil aus einer Drüse nahe des Afters und verteidigen sie gegen eindringende Artgenossen. Kräftige Bisswunden verursachen dabei bisweilen den Tod ihrer Gegner.

Zusammen mit zwei Generationen von Jungtieren verschlafen die bis zu 30 Kilo schweren und bis 1,30 Meter langen Eltern den größten Teil des Tages im Bau. Sommertags ab etwa 18.30 Uhr, wenn auf den Dämmen Ruhe einkehrt und die Mehrzahl der Fischer ihre Angelplätze in Richtung zu Hause verlässt, kehrt Leben ins Wasser bei den Biberburgen ein. Dann wird ins kühle Nass gesprungen, gespielt und geplanscht. Aber immer wachsam, um beim geringsten fremden Geräusch oder der kleinsten Bewegung abzutauchen und in der Tiefe zu verschwinden.

 

Sobald die Abenddämmerung einbricht, wenn die letzten Angler von Stechmückenschwärmen gepeinigt in ihren Autos flüchten, schwimmen die Biber los, um ihr Revier zu bezwingen. In der Regel sind sie alleine, seltener zu zweit oder in kleinen Gruppen unterwegs. Mit leichter Bug- und einer V-förmigen Heckwelle, wie bei kleinen Motorbooten, ziehen sie schräg gegen die Strömung ihre Bahnen und überqueren den Fluss.

Oft steuern sie am gegenüber liegenden Ufer dieselben, meist etwas größeren Landungsstellen an. Zahlreiche in die Böschung gescharrte kleine Ausbuchtungen, in Abständen von etwa fünf bis dreißig Metern, erleichtern den Ein- und Ausstieg. Leichte Bewegungen oder Geräusche an Land, menschliche sowie fremde Silhouetten und Gerüche, veranlassen die Nager beim Anschwimmen jedoch sofort abzutauchen. Dabei platschen sie mit dem Schwanz kräftig aufs Wasser, um auch die anderen Artgenossen zu warnen.

 

    

Nachdem das Pärchen den Fluss überquert hat, sondiert es die Lage am Ausstieg. Ist die Luft rein, steht dem Erklimmen des Ufers nichts mehr im Wege. Dort wird auch das Revier mit Bibergeil markiert.

 

Sind allerdings keinerlei Gefahren auszumachen, erklettern die Biber das Flussufer. Jetzt lassen sich ihre unterschiedlichen Charaktere erkennen. Die ruhigeren Tiere rasten minutenlang im Sand, manche scheinen ein Nickerchen zu halten. Andere wiederum können nicht stillhalten, scharren mit den Vorderpfoten, laufen ein paar Meter zur nächsten Einstiegsfurt und springen wieder ins Wasser. Von dort aus wird das Revier erkundet, am Ufer entlang geschwommen, bis hin zum passenden nächsten Halt.

 

Je mehr die Dunkelheit fortschreitet, um so weiter ziehen die Tiere an Land. Nun suchen sie auf ausgetretenen Pfaden Sträucher, Kräuter und Jungtriebe, um daran ausgiebig zu mümmeln. Nagen sie hingegen in ihrer kreisförmigen Sanduhrtechnik an massiveren Bäumen, hallt das typische, wiederkehrende Knarren durch die nächtliche Stille. Unterbrochen wird die Ruhe der Nacht ansonsten nur ab und an vom Knacken und Rascheln des Unterholzes oder vom friedlichen Gurgeln und Glucksen über dem Flusslauf.

 

Kaum verdrängt die aufgehende Sonne die Nebelschwaden, schwimmen die letzten Nachzügler zwischen 6.30 und 7.00 Uhr zurück in ihre Burgen. Dort erholen sie sich von den Anstrengungen der Nacht durch einen tiefen Schlaf.

 

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Besonders leckere Schilftriebe sind es wert, zum nächsten Futterplatz mitgenommen zu werden.

 

Je nach Wetterlage, etwa nachdem ein Gewittersturm durch den Auwald wütete und dabei Bäume und Büsche zu Boden riss, betätigen sich die Biber als Aufräumkolonne. In den Nächten nach den Verwüstungen befreien sie umgefallene Gehölze von Laub und Zweigen. So werden auch blockierte Uferpfade wieder gangbar gemacht.

 

Da der Lebensraum in den Auwäldern genügend Platz und Nahrung bietet, beenden die Nager meist an seinen Rändern und an den Staudämmen ihre Futtersuche. In der Regel entfernen sie sich nicht weiter als zehn bis zwanzig Meter vom Uferrand. Somit haben die Alttiere wenig Beweggrund, ihr Revier zu verlassen.

Deswegen werden an den angrenzenden Straßen, insbesondere auf der B15, höchst selten Fahrzeug-Unfälle mit Bibern gemeldet. Insofern hat man im Bereich des Innstausees im Wasserburger Raum sehr wenig Ärger durch die Nager zu verzeichnen.

Andererseits führt der Inn bei Hochwasser nun gehäuft von den Bibern abgenagte Bäume mit sich. Diese müssen, zusammen mit dem üblichen Treibholz, mit Baggern aufwändig abgegriffen werden, um größere Schäden zu vermeiden. Besonders die historische rote Brücke zur Wasserburger Altstadt wird auf diese Weise geschützt.

 

Wegen der Vermehrung der Biber, die in jedem Frühjahr ein bis drei Junge großziehen, weil sich die Nachwuchsgenerationen neue Reviere erobern müssen und dabei im Schnitt um die 25 Kilometer weiterziehen, nehmen in einigen Gebieten Deutschlands die Biberpopulationen langsam überhand. Mehr und mehr Klagen über Schäden werden laut. Diskussionen über Abschussquoten werden geführt. Es mag plausible Gründe dafür und dagegen geben.

 

 

Die Morgendämmerung ist der Zeitpunkt, bei dem sich die Nager auf den Rückweg in ihre Schlafbauten begeben. Enten übernehmen tagsüber das Revier. Im Frühnebel scheint auch der Kirchturm von Altenhohenau zu erwachen.

 

Sobald sich die Biberpopulationen jedoch genügend ausgebreitet haben und alle Reviere besetzt sind, bestehen für die Revier-suchenden Jungtiere keinerlei Überlebenschancen. Damit reguliert sich die Anzahl der Tiere von selbst und bleibt weitgehend konstant. Hier greift die Regelung der Wildnis eigenständig ein. Und dies trotz der Tatsache, dass sich in der Gegend des Natur- und Vogelschutzgebietes Innstausee die natürlichen Feinde der Biber wie Wolf, Luchs und Bär seit ihrer Ausrottung nicht wieder erneut angesiedelt haben.

Die Biber dagegen eroberten sich, wenn auch zumeist unbemerkt vom Menschen, hier ihren natürlichen Lebensraum erfolgreich zurück.

 

Nahezu alle nachtaktiven Tiere haben sich zurückgezogen. Die aufgehende Sonne erweckt die vielfältigen Stimmen der Natur.

 

©KettNews.Eu 2014

 

 

Wednesday the 17th. ©KettNews.Eu 2016.
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